Minimalistisch, modern und mutig: Zwei Gründerinnen und ihr Café
Kaffeeduft, lebhaftes Stimmengewirr und das sanfte Klirren von Tassen und Löffeln füllen den hohen, hellen Raum. Trotz des grauen und regnerischen Frühlingstags sind die 40 Sitzplätze im „Venue“ fast alle besetzt. Bevor sie sich mit einem Stück glutenfreiem Kuchen zum Interview setzt, räumt Christin Wemmel noch schnell ein paar Tassen vom Nachbartisch ab und fragt die Gäste am Fenster im Vorbeigehen, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist. Die Co-Inhaberin des Café Venue am Bielefelder Klosterplatz arbeitet an diesem Tag in der Nachmittagsschicht. „Seit zwei Jahren sind wir eigentlich praktisch immer hier“, erzählt die 32-Jährige. Gemeinsam mit Madleen Asaturoglu eröffnete die Jungunternehmerin im Frühjahr 2024 das Café, das mit seinem speziellen Angebot und der besonderen Atmosphäre bald zu einem – mittlerweile nicht mehr ganz so geheimen – „Geheimtipp“ wurde.

Wohlfühl- Ambiente
„Die Ästhetik des Cafés machte von Anfang an einen großen Teil unseres Konzepts aus“, erklärt Wemmel. Das „Venue“ (englisch für Veranstaltungsort/Treffpunkt) sollte mehr bieten als ein klassisches Café. „Unsere Vision war es, in Bielefeld eine Plattform für Menschen zu schaffen, die sich hier mit Freunden treffen, arbeiten und sich einfach wohlfühlen können“. Der Stil ist minimalistisch: weiße Wände, schlichte Holzmöbel und ein paar geschickt platzierte Grünpflanzen. Die Speise- und Getränkekarte hängt über der Theke, an der auch bestellt wird. So entstand ein Frühstücks- und Lunch-Café mit fast bodentiefen und komplett zu öffnenden Fensterfronten zum autofreien Klosterplatz. Im Sommer gibt es auch Plätze im Freien.

Vom Moodboard zur Speisekarte
Viel Energie und Recherche haben die beiden Gründerinnen in die Entwicklung ihrer Speisekarte gesteckt. Die selbstgebackenen Kuchen und die mit Avocado oder Grilled Cheese belegten Sauerteigbrote sehen im Café mindestens genauso gut aus wie auf den begeisterten Instagram-Posts der knapp 9000 Follower des „Venue“. Den Gründerinnen sind Zutaten und der Geschmack allerdings mindestens ebenso wichtig. „Alle Rezepte für unsere Speisen, auch für Kuchen, Brote und Smoothies, haben wir selbst entwickelt“, erzählt Wemmel. Nach ihrem BWL-Studium und Master im Bereich Nachhaltigkeit arbeitete die Wahl-Bielefelderin zunächst für ein Berliner Start-up im Gebiet ganzheitliche Ernährung. Bei einem Heimatbesuch traf sie die heute 28-jährige Asaturoglu, die Medienkommunikation studiert hatte und als Barista bereits Gastronomie-Erfahrung mitbrachte. Sie freundeten sich an und stellten fest, dass sie beide von der eigenen Selbstständigkeit träumten. „So entstand die Idee eines urbanen Frühstück- und Lunch-Cafés mit gesundem Ernährungskonzept“, berichtet Wemmel.
Datteln statt Industriezucker
„Mit dem Schwerpunkt auf gesunder Ernährung haben wir eine Karte mit zuckerfreien, teils veganen und glutenfreien Produkten zusammengestellt, hinter denen wir zu 100 Prozent stehen können“, sagt Wemmel. „Darum verzichten wir auch komplett auf Fertigprodukte und stark verarbeitete Lebensmittel“. Industriellen Zucker ersetzen die Café-Betreiberinnen beispielsweise durch Datteln. Die verschiedenen Kaffee- und Matchaspezialitäten können neben der klassischen Kuhmilch auf Wunsch auch mit Erbsen-, Vanille-Soja- oder Reis-Kokos-Milch bestellt werden. Außerdem sind viele Gerichte glutenfrei, also ohne Verwendung von Weizenmehl hergestellt. Co-Gründerin Asaturoglu lebt mit Zöliakie und weiß daher, wie wichtig passende Alternativen für Menschen sind, die bestimmte Klebereiweiße nicht vertragen.

Glücksgriff Immobilie
Die Räumlichkeiten am Klosterplatz entdeckten die Gründerinnen zufällig bei einem Spaziergang im Frühjahr 2023. „Wir sahen, wie schön die Sonne durch die Fenster in den Laden leuchtete und wussten sofort Das ist es!“, erinnert sich Wemmel. Zufall oder Schicksal – das ehemalige Heizungsgeschäft stand zur Vermietung. „Wir haben dann gleich am nächsten Tag dort angerufen und uns beworben“. Es folgte eine intensive Planungsphase, in der die beiden Frauen Raumplanung, Konzept und Finanzierung entwickelten. „Für uns beide war das wie eine Probezeit. Können wir überhaupt zusammenarbeiten? Schließlich kannten wir uns noch nicht so lange“, erzählt Wemmel. Als dann nach einem halben Jahr die Zusage vom Vermieter kam, seien sie überglücklich gewesen.
Unterstützung durch Gründungsberatung der Sparkasse Bielefeld
Tipps und Beistand für die Geschäftsgründung bekamen die jungen Frauen vor allem vom GründerCenter der Sparkasse. „Von unserer Beraterin Tanja Siepke fühlten wir uns sofort ernst genommen und unterstützt“, berichtet Wemmel. „Als relative Neulinge in der Gastronomie mussten wir uns nicht verstellen und etwas darstellen, was wir nicht sind.“
Um die Beratung in Anspruch nehmen zu können, brauche es keine besonderen Erfahrungen und Vorkenntnisse, bestätigt Siepke. „Mit etwas mehr als der bloßen Idee sollte man aber schon zu uns kommen“. So wie die beiden Café-Gründerinnen, die außergewöhnlich gut vorbereitet gewesen seien: Bis ins Detail hätten sie bereits Gerichte für die Speisekarte entwickelt und durchkalkuliert, lobt die Gründungsberaterin „Was wir dann gemeinsam erarbeitet haben, sind einige Worst-Case-Szenarien“.
Auch das für Bielefeld neuartige und ausgereifte Konzept zusammen mit dem vielversprechenden Standort im Herzen der Altstadt habe überzeugt. Damit gewann das Vorhaben schließlich auch das Vertrauen der Bürgschaftsbank, obwohl die Gründerinnen kein Eigenkapital mitbrachten. „Das ist eigentlich nicht die Regel“, sagt Siepke. In diesem Fall kam hinzu, dass der Vermieter einen Teil der hohen Umbaukosten übernahm und damit quasi als weiterer Geldgeber mit ins Boot stieg. „Nur in dieser Konstellation konnten wir die Gründung in einer herausfordernden Branche wie der Gastronomie überhaupt finanzieren“, erklärt die Finanzexpertin.

Erfolgreich dank definierter Zielgruppe
Zwei Jahre nach der Eröffnung gibt der Erfolg den jungen Gründerinnen recht: Mit ihrem Konzept haben sie nicht nur bei jungen Frauen, die sich gesundheitsbewusst ernähren wollen, eine Marktlücke getroffen. „Mittlerweile haben wir viele Stammgäste aller Altersstufen, so dass ich mich hier oft wie in einer großen Familie fühle“, erzählt Wemmel. Vieles läuft inzwischen rund, dennoch fordert der Alltag Kraft. Mittelfristig wollen die beiden Gründerinnen sich etwas stärker aus dem operativen Geschäft zurückziehen und Verantwortung abgeben. Die Einstellung einer Service- und einer Küchenleitung stehen auf dem Plan. „Bei allem Stress genieße ich es hier jeden Tag unser eigenes Business zu haben und keine Vorgesetzten mehr“, sagt Christin Wemmel zum Abschluss. Dann ist das Gespräch auch schon vorbei. Sie greift nach dem leeren Kuchenteller und verschwindet wieder hinter der Theke – zurück an die Arbeit.
Venue, Clean Food and Drinks, Klosterplatz 5, 33602 Bielefeld, Öffnungszeiten: Mo.-Fr. 8-17 Uhr, Sa. 9-17 Uhr, So 10-17 Uhr. E-Mail: hello@venue-coffee.de, Instagram: venuecffee
Text: Annette Meyer zu Bargholz Fotos: Sarah Jonek














